HP Slate 21: All-in-One-PC mit Android im Praxistest


Aus der Ferne erinnert das HP Slate 21 in seinem weißen Hochglanzgehäuse an einen iMac. Dank des flexiblen Ständers kann man den Bildschirm stufenlos in Winkeln von 15 bis 70 Grad neigen, das Gerät also im Sitzen ebenso bequem bedienen wie im Stehen. Die Verarbeitung des Plastikchassis reicht jedoch nicht an die von Apples All-in-One-Computer (AiO-PC) heran. Für eine unverbindliche Preisempfehlung von 399 Euro geht die Qualität jedoch in Ordnung.
Das Gerät wiegt knapp fünf Kilogramm und misst 53 mal 35 mal 7 Zentimeter. Anders als andere Android-Geräte eignet sich der Testkandidat also keinesfalls für den mobilen Einsatz. Das liegt aber auch ganz einfach daran, dass es keinen Akku gibt. Wie für einen Desktop-PC üblich muss der Slate 21 an der Steckdose hängen.
Aber genau dafür hat HP dieses Modell auch konzipiert: für den stationären Einsatz. Allerdings stellt sich somit die Frage, ob sich der Hersteller für die richtige Hard- und Software entschieden hat. Denn die Schreibtischarbeit mit dem “Riesen-Tablet” bereitet wenig Freude.

Starker Prozessor, zu wenig RAM
Bei der Hardware hat sich HP für ein in der Android-Welt typisches System-on-a-Chip (SoC) entschieden, in diesem Fall handelt es sich um ein Nvidia Tegra 4 mit 1,9 GHz. Der verleiht dem AiO-PC eine ordentliche Performance, wie sämtliche Benchmarks (Passmark, AnTuTu, 3DMark, Epic Citadel) bestätigten. Allerdings verraten Benchmarks nur die halbe Wahrheit. Denn der Hersteller spendiert dem Slate 21 lediglich ein Gigabyte Arbeitsspeicher.
Auch der glänzte bei den Benchmarks mit einer guten Geschwindigkeit, doch ist es einfach zu wenig für den Einsatz als Desktop-Ersatz. Mal abgesehen davon, dass Android echtes Multitasking – wie man es von einem Desktop-Betriebssystem gewohnt ist – gar nicht unterstützt, machte es dem Gerät im Test schwer zu schaffen, wenn viele Apps geöffnet sind und dann zwischen diesen gewechselt werden soll.
Das Problem mit dem Arbeitsspeicher hat man offenbar auch bei Hewlett-Packard schon festgestellt. Denn die im Januar angekündigte Variante für den Einsatz nur in Unternehmen, der HP Slate 21 Pro, ist bereits mit zwei Gigabyte RAM ausgerüstet. Auch beim lokalen Speicher ist der Hersteller großzügiger und verbaut 16 GByte. Für den Einsatz in Firmen ist bei dieser Ausführung Citrix XenMobile vorinstalliert. So sollen ein virtueller Arbeitsplatz mit gesicherten Daten und mittels Citrix Receiver auch Windows-Applikationen bereitgestellt werden.

Zurück zum HP Slate 21: Wartezeiten von manchmal sogar mehreren Sekunden waren im Test beim Wechsel zwischen Apps keine Seltenheit. Der Aufruf weiterer Anwendungen wurde damit ebenfalls zum Geduldsspiel. Bei der alltäglichen Arbeit können diese Reaktionsschwächen die Nerven schon belasten.
Riesen-Touchscreen enttäuscht
Dazu gesellt sich ein Touchscreen, der ebenfalls nicht zu den reaktionsstärksten seiner Art gehört. Im Test mussten wir oft mehrmals Tippen, um etwa eine App zu öffnen, ein Menü aufzurufen oder einfach nur zu scrollen. Gerade letzteres ist auf dem Display außerdem sehr hakelig, da sich die Oberfläche leicht rau und sogar uneben anfühlt. Vom sanften Scrollen und Zoomen, wie man es von einem Google Nexus 7 oder einem Samsung Galaxy Tab kennt, ist das Slate 21 weit entfernt.

Noch mehr stört im Test aber der dicke weiße Rahmen, in den das Display einige Millimeter tief eingelassen ist. Die Android-Statusleiste am oberen Bildschirmrand herunterzuziehen und damit zu öffnen, gelang selten im ersten Anlauf. Der Benutzer muss den Finger exakt am oberen Rand ansetzen und dann runterziehen. Das hätte HP besser machen müssen: Rahmen und Display gehören auf eine Ebene, um besser von oben hereinwischen zu können. Es gibt – aus gutem Grund – kaum Tablets und erst recht keine Smartphones auf dem Markt, die den Bildschirm in eine Einfassung einlassen.
Abgesehen von der eher durchwachsenen Qualität als Touchscreen macht das IPS-Panel einen soliden Eindruck. Die Auflösung liegt bei 1920 mal 1080 Pixeln (Full HD); der Blickwinkel ist ausreichend groß, so dass man auch von der Seite noch alle Bildschirminhalte gut erkennen kann. Etwas heller hätte das Display allerdings sein dürfen, auch Spiegelungen waren zum Teil recht deutlich zu sehen. Letzteres fällt jedoch nicht allzu stark ins Gewicht, weil das Slate 21 ohnehin nicht unter freiem Himmel zum Einsatz kommt.
Bedienung per Maus und Tastatur
Als Alternative zur Touch-Steuerung bieten sich Tastatur und Maus an, beide lassen sich per USB anschließen. Drei entsprechende Ports gibt es aus auf der Rückseite beziehungsweise der linken Seite. Das beim Testexemplar mitgelieferte Keyboard hatte allerdings ein US-Layout und war nicht besonders gut zu bedienen. Viele Tasten waren eher schwergängig, bessere Computermäuse hatten wir auch schon unter der Hand. Unser Tipp: Kaufen Sie das Slate 21 ohne Eingabegeräte und nutzen Sie eine eigene Tastatur-Maus-Kombi. Dank Bluetooth 3.0 sind auch entsprechende Kombinationen nutzbar.
Eine Nummer zu groß für Android
Als Betriebssystem-Version kommt Android 4.2.2 zum Einsatz, das HP fast im Originalzustand belässt. Lediglich einige Apps (zum Beispiel Office, Dateimanager, Mediaplayer) sind vorinstalliert und ein paar Einträge im Einstellungsmenü hinzugekommen.
Dazu gehört beispielsweise ein Dialog, mit der Nutzer den Netzwerkport konfigurieren, denn das Slate 21 bringt eine Ethernet-Schnittstelle mit, die sich neben zwei USB-Eingängen und der Buchse für den Netzstecker unter einer Abdeckung auf der Rückseite verstecken. Durch eine Aussparung führen die Kabel nach draußen, auch wenn der Deckel drauf ist.

Was die meisten Nutzer besonders stören dürfte – neben der bereits angesprochenen eingeschränkten Multitasking-Fähigkeit – ist das Fehlen von Flash. Trotz der Bestrebungen im modernen Webdesign gehört die proprietäre Technik von Adobe immer noch zur Realität im Internet, Windows-User etwa wissen daher auch den Flash-Player zu schätzen. Diesen gibt es für Android zumindest offiziell nicht mehr, über Umwege lässt er sich dennoch einrichten – etwas umständlich für einen Desktop-PC.
Hinzu kommt die Tatsache, dass Apps und Webseiten für mobile Endgeräte meist für kleinere Display-Größen entwickelt werden. Da sich das Slate 21 gegenüber Webseiten als Tablet ausgibt, erhält der Anwender im Browser immer zuerst die mobile Version einer Internetseite zu sehen, was auf einem 21-Zoll-Monitor einfach unschön aussieht. Das gleiche Problem gilt für Apps, die in der Regel nicht für derart große Anzeigen konzipiert sind. Hier ist es aber noch eher zu verschmerzen.
Mäßige Ausstattung
Neben den genannten Schnittstellen bietet der HP Slate 21 WLAN (802.11 a/b/g/n, Dual-Band), einen kombinierten Kopfhörer-Mikrofon-Anschluss und eine Webcam mit 720p direkt über dem Display für Videochats. Über einen SD-Kartenslot auf der linken Seite lässt sich der interne Speicher erweitern, das geht natürlich auch mit USB-Medien, die Android problemlos erkennt und einbindet.
Bei einem nur acht Gigabyte großen Flash-Speicher, von dem im Auslieferungszustand gar bloß knapp fünf Gigabyte für eigene Dateien und Programme bleiben, könnte die Speichererweiterung schnell erforderlich sein. Genau wie beim Arbeitsspeicher war HP auch hier zu geizig. Immerhin geben die Lautsprecher einen ordentlichen Sound von sich, sofern man in den Einstellungen DTS+ aktiviert. Das verleiht den Boxen etwas mehr Tiefe und weniger krächzende Bässe. Für die Musikuntermalung während der Arbeit reicht der Sound aus.
Fazit: Suche nach der Zielgruppe
Insgesamt ist der HP Slate 21 ein merkwürdiger Mix aus zwei Welten. Sein Äußeres stammt aus der klassischen PC-Welt, sein Inneres aus dem mobilen Reich der Tablets und Smartphones. Wirklich überzeugen kann das nicht. Zum einen hakt es an einigen Ecken und Enden, weil der Arbeitsspeicher zu klein geraten und der Touchscreen nicht der beste ist. Für einen Kampfpreis von 299 Euro zu dem Helwett-Packard den Rechner inzwischen in seinem Shop anbietet, könnte man vielleicht darüber hinwegsehen.
Zum anderen wird aber nicht ganz klar, wen der Hersteller mit dem Slate 21 ansprechen möchte. Für den Arbeitsalltag im Büro oder Arbeitszimmer erhält man gleichwertige Windows-PCs zu ähnlichen Preisen – zugegebenermaßen ohne Touchscreen. Doch braucht man den am Schreibtisch? Für den Einsatz als Surf- und Spielgerät ist das AiO eindeutig zu schwer und aufgrund des fehlenden Akkus unhandlich. Einzige als Infoterminal oder als Schul-PC im Klassenzimmer könnte sich der Computer eignen, auch deshalb, weil Android mittlerweile ein Mehrbenutzersystem mit simplem Rechtemanagement ist. Aber braucht es dafür eigene Rechnermodelle?
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