SPD will Informatik deutschlandweit als Pflichtfach einführen

Das geht aus einem von der Bundestagfsraktion beschlosssenen Papier hervor. Darin wird ein Staatsvertrag oder eine Verfassungsänderung gefordert, um die Einführung durchzusetzen. Die “digitale Bildung” sei inzwischen der “wichtigste Schlüssel zur Teilhabe in der Gesellschaft”.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat diese Woche auf ihrer Klausurtagung in Mainz unter anderem Eckpunkte festgelegt, wie sie politisch die “gesellschaftliche Teilhabe in der digitalen Gesellschaft stärken” will. Das Beschlusspapier (PDF) sieht unter anderem “verpflichtenden Informatikunterricht an Schulen und die kreative Einbindung digitaler Medien in alle Unterrichtsfächer” vor.”Außerdem spricht sich die SPD-Fraktion darin für eine Vereinfachung bürokratischer Verfahren aus, indem zum Beispiel Behördengänge erledigt werden können und politische Entscheidungsprozesse mit Hilfe des Webs transparenter und nachvollziehbarer werden.
Laut Lars Klingbeil, dem netzpolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, sei das Papier notwendig, weil Menschen sich nur dann souverän im Internet bewegen können, wenn sie über dessen Funktionsweise und “die Besonderheiten digitaler Räume” informiert sind. Damit das Internet nicht einigen wenigen sozial oder technologisch Privilegierten vorbehalten bleibe, sei es notwendig, alle Menschen gleichermaßen anzusprechen. Um das zu erreichen, fordert die SPD-Fraktion die flächendeckende Bereitstellung schneller Internetverbindungen ein und sieht sie die “digitale Bildung” als “wichtigsten Schlüssel”.
Bereits im Vorfeld der Klausurtagung erklärte Klingbeil gegenüber der Rheinischen Post: “Wir wollen einen Staatsvertrag für digitale Bildung, um unser Bildungssystem den Realitäten der digitalen Gesellschaft anzupassen.” Dazu gehöre auch “eine bessere Ausstattung der Schulen mit Tablets und Laptops”. Gegenüber dem Blatt kündigte Klingbeil auch an, in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode mehr dafür zu tun, dass Deutschland seinen Rückstand bei der Digitalisierung aufhole. Derartige Pläne beschreibt zwar bereits die vor einem Jahr vorgelegte Digitale Agenda der Bundesregierung. Deren Umsetzung hinkt aber den Erwartungen deutlich hinterher.
In ihrem Papier nennt die SPD auch zehn konkrete Punkte. Gleich der erste, demzufolge “auf Grundlage neuer verfassungsrechtlicher Regelungen oder im Rahmen eines Staatsvertrags verbindliche Vereinbarungen zu Zielen, Umsetzung und Finanzierung der digitalen Bildung sowie der Förderung der Medienkompetenz gefunden werden“ sollen, lässt aber aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit der darin aufgestellten Forderungen keine rasche Umsetzung erwarten. Das Problem hier ist, dass Bildungspolitik eben Ländersache ist und sich daher einer Regelung durch die Bundesregierung entzieht. Und sowohl Verfassungsänderungen als auch die Aushandlung von Staatsverträgen lassen sich in der Regel nicht kurzfristig umsetzen.
In dem geforderten, verpflichtenden Informatikunterricht sollen nicht nur Programmiersprachen auf dem Lehrplan stehen, sondern auch ein “grundlegendes Verständnis für rechtliche und technische Strukturen des Netzes und die Logik von Algorithmen” vermittelt werden. Außerdem sollen die digitale Lehrmittelfreiheit weiterentwickelt, Medienpädagogik als verpflichtender Teil der Aus- und Fortbildung des pädagogischen Personals gestärkt sowie die Dualen Ausbildungsberufe an die Bedürfnisse von Industrie 4.0 angepasst werden.
Branchenverbände begrüßen die Forderungen
Branchenverbände haben die Forderungen bereits begrüßt. Der Bitkom weist etwa darauf hin, dass sich in seinen Umfragen eine große Mehrheit der Bundesbürger für mehr Informatikunterricht auch auf Kosten von Fächern wie Sport, Musik oder Religion ausspreche. Drei Viertel der Schüler hielten demnach Informatik als Pflichtfach für eine gute Idee. Auch 73 Prozent der Lehrer und 85 Prozent der Eltern mit schulpflichtigen Kindern unterstützen die Forderung.
“IT-Kenntnisse sind heute so wichtig wie das kleine Einmaleins. Die Digitalisierung bestimmt unseren Alltag immer mehr, in der Freizeit ebenso wie im Beruf. Die Schulen müssen über Medienkompetenz hinaus im Unterricht auch ein fundiertes Verständnis für IT-Technologien vermitteln. Dazu brauchen wir einen verpflichtenden Informatik-Unterricht – und zwar in allen Bundesländern“, kommentiert Bitkom-Präsident Thorsten Dirks in einer Pressemitteilung.
Auch der ASQF e.V, der Arbeitskreis für Softwarequalität und Fortbildung, stärkt den SPD-Politikern den Rücken. “Dieser Schritt ist längst überfällig. Keiner darf von der digitalen Welt ausgeschlossen werden. Die Schüler müssen lernen, wie die verschiedenen Funktionen zusammenspielen, sie müssen sich ein Bild machen können und Möglichkeit bekommen, sich auszuprobieren”, so ASQF-Hauptgeschäftsführer Stephan Goericke in einer Pressmitteilung.
Informatik nicht mit Programmieren verwechseln
Er gibt jedoch auch zu bedenken, dass Informatik nicht mit Programmieren verwechselt werden dürfe: Informatikkenntnisse seien nicht das Gleiche wie Medienkompetenz. “Die Fähigkeit, ein Programm zu schreiben, bedeutet noch lang nicht, dass man mit Medien umgehen und Folgen in Bezug auf Urheber- oder Persönlichkeitsverletzungen einschätzen kann. Grundlagen des Programmierens beziehungsweise logischen Denkens können problemlos in den Mathematikunterricht integriert werden. Das Erste und Wichtigste, was Kinder im Schulfach Informatik lernen sollten, ist der gestalterische Umgang mit den Produkten der digitalen Welt. Dabei muss die Vermittlung praktischen Orientierungswissens im Vordergrund stehen.”
Als Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung eines Schulpflichtfaches Informatik sieht Goericke personelle und finanzielle Ressourcen, für die die Politik sorgen müssen. Derzeit fehle es erstens an einer ausreichenden Zahl geschulter Lehrkräfte, zweitens an der Abstimmung zwischen den Bundesländern, ab welcher Klassenstufe das Fach eingeführt und mit welchem Inhalt es unterrichtet werden soll und drittens den finanziellen Mitteln. Dabei gehe es nicht nur um die zeitgemäße technologische Ausstattung der Schulen, sondern auch damit verbundene Anwendungen, zum Beispiel Apps.